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Entwicklung des Bürgernetzes Graupa- Dresden
Ein Zeitzeugenbericht eines Technikers.

Rechtliche Grundlage des Bürgernetzes (damals Antennengemeinschaft Söbrigen genannt) in der DDR, war die Schlussakte von Helsinki.
Die Schlussakte von Helsinki wurde am 1. August 1975 unterzeichnet. Sie ist kein völkerrechtlicher Vertrag, sondern eine selbstverpflichtende Aussage der Staaten. In ihr wurden Vereinbarungen über die Menschenrechte, die Zusammenarbeit in Wirtschaft, Wissenschaft, Technik und Umwelt, Sicherheitsfragen sowie Fragen der Zusammenarbeit in humanitären Angelegenheiten getroffen. Ziel war es, Ost und West in Europa zu einem geregelten Miteinander zu verhelfen. (Quelle Wikipedia)
Ab diesem Zeitpunkt war es DDR Bürgern auch erlaubt Radio und TV- Sender aus dem nichtsozialistischen Ausland (Westfernsehen), zu sehen. Also auch zu empfangen. Die DDR- Regierung glaubte, mit antiwestlichen Sendungen und Materialknappheit der benötigten Antennen, die befürchteten Folgen gering zu halten.
Der Begriff Westfernsehen bezeichnete während der deutschen Teilung alle westeuropäischen Fernsehsender, die in der DDR neben dem DDR-Fernsehen zu empfangen waren. ARD und ZDF konnten fast überall (außer im östlichen Sachsen (Dresden), wo der Begriff „Tal der Ahnungslosen“ geprägt wurde, und dem äußersten Nordosten) empfangen werden (Quelle Wikipedia).
In Westdeutschlang begann 1972 die Deutsche Bundespost schrittweise mit dem Bau von Kabelversuchsnetzen in abgeschatteten Gebieten der Städte Hamburg, mit einer Kapazität von je zwölf Fernseh- und Hörfunkprogrammen. Ende 1974 beziehungsweise 1978 wurden diese Kabelnetze, die mit analogen Kabelkopfstellen mit einer Gesamtbandbreite von 350 MHz ausgestattet waren, in Betrieb genommen. Die Kabelversuchsnetze wurden auf Grund ihrer Lage ausgewählt. So lag das Kabelversuchsgebiet in Hamburg-Uhlenhorst hinter dem Einkaufszentrum Hamburger Straße. In der DDR gründeten örtliche Antennengemeinschaften Ende der 1970er-Jahre die ersten Kabelfernsehnetze, die neben einer Verbesserung des lokalen Rundfunkempfangs auch den Empfang des Westfernsehens in hoher Qualität ermöglichten. Kabelfernsehen wurde in Westdeutschland erstmals am 1. Januar 1984 im Rahmen des Kabelpilotprojekts Ludwigshafen bis 1986 ausgestrahlt. Weitere Kabelpilotprojekte folgten in München (1984–1985), Dortmund (1985–1988) und West-Berlin (1985–1990) (Quelle Wikipedia).
In der DDR entstanden ab 1980 massenweise Antennengemeinschaften, die das Ziel hatten, mittels Fernsehkabel auch in den Tallagen des Erzgebirges gutes TV- Signal zu empfangen. Rasant entwickelte sich die Technik. Unbemerkt war die Entwicklung in der DDR, der in Westdeutschland zeitweilig voraus. Ausnahme: Dresden und Umgebung, dem Tal der Ahnungslosen.
Spezialisiert hatte sich unter vielen anderen, eine kleine PGH (Firma) in Kirchberg (Landkreis Zwickau). Eine Kabelanlage nach der anderen wurde im Erzgebirge errichtet. Es gab Wartezeiten von über 2 Jahren. In dieser PGH Elektron waren wir angestellt.
Der Zufall wollte es, dass der Bruder eines Herrn Kästners aus Söbrigen, an das TV- Kabel in Zwickau- Reinsdorf von uns angeschlossen wurde. Dieser Herr Kästner lud uns Techniker 1986 nach Söbrigen ein, und bat uns um Empfangsprüfung.Für uns Techniker war das natürlich eine Herausforderung: „Das Tal der Ahnungslosen“
Unsere Firma war mit Messtechnik gut ausgestattet. Wir konnten deshalb sehr gute Verstärker bauen. Das „gute Westbild“ war auch bald in Zaschendorf gefunden. Jetzt begann ein monatelanger Kampf mit Störsendern, von denen wie von Geisterhand jede Woche ein Neuer auftauchte. Wir antworteten mit immer besseren Antennen.
Uneigennützig unterstützten uns die Zaschendorfer Bürger, die uns mit Essen und Trinken verwöhnten und bereitwillig immer neue Kabelgräben aushuben. Bald waren wir mit den Zaschendorfern befreundet.
Der Vorstand der Antennengemeinschaft beschloss, dass ca. 20 Häuser an die Antenne angeschlossen werden. Die Bürger mussten das „Westbild“ täglich mit Schulnoten benoten, um eine Qualitätsaussage treffen zu können. Inzwischen hatte sich auch das von Ardenne Institut mit einem Hochfrequenz-
spezialisten eingeschaltet. Unter dessen Leitung baute man die größte UHF- Antenne Europas. Eine Parabolantenne von der Größe zweier Eigenheime, sollte die Störsender ausblenden.
Nach einem Jahr Benotung bekam das „Westbild“ einen Notendurchschnitt von 2,1! Es hieß: “Wir bauen eine Kabelanlage! “
Machen wir! -aber womit? Es wurden Mengen an Kabel, Stecker, Verstärker, Verteiler uvm. gebraucht. Nichts davon gab es im Laden zu kaufen. Alles musste „besorgt“ werden. So Manches war noch nicht einmal entwickelt. Das Wort „besorgt“ stand für Tauschgeschäfte, Schmuggel, Beziehungen, ja auch Diebstahl von Volkseigentum. Die Bürger schafften es!
Für uns Techniker war es ein tägliches Wunder, was diese Bürger alles besorgen konnten. Wir halfen natürlich mit. Wir konnten besorgte Bananen oder Bier in Verteilergehäuse wandeln.
Fast ehrfürchtig beobachteten wir, wie die Graupaer einen Kabelgraben in steilster Hanglage aushoben. Man könnte noch seitenlang berichten, was diese Bürger geleistet haben. Andere Orte schafften das nicht. So konnten die Projekte bis Weißig und Elbufer bis zum blauen Wunder letztlich nicht realisiert werden.
1989 konnten wir die Hauptleitung bis Pillnitz durchschalten. Jetzt lag es an uns wann die Bürger Ihr Bild bekamen. Natürlich kostete das Alles auch eine Menge Geld. Mit aufkommenden Freiheitswillen der Bürger 1989 kam es auch zu Meinungsverschiedenheiten. Diese gipfelten 1990 mit Einführung der D- Mark. Die Bürger sollten jetzt „hartes“ Geld für den Kabelanschluss zahlen. Satellitenantennen wurden langsam erschwinglich. Die Anzahl der Anschlüsse reduzierte sich, die Kosten stiegen dadurch.
Aber es sollte sich lohnen. 15 Jahre lang zahlten die Bürger ganze 10 € für den Unteralt im Jahr!! Das ist eine Ersparnis von ca. 1700 € gegenüber einem durchschnittlichen Kabelanschluss in Deutschland. Einige Bürger kümmerten sich im Ehrenamt um Reparaturen und Inkasso.
Im Jahre 2004 war das Bürgernetz in die Jahre gekommen. Ausfälle häuften sich, das Inkasso wurde schwieriger und das digitale Zeitalter begann. Da sich Austritte häuften, war ein Ende abzusehen. Aber da gab es noch die Techniker von damals. Die wollten DIESES Bürgernetz erhalten und stellten die Tätigkeit beim „Aufbau West“ ein. Investierten 250.000 € und brachten das Bürgernetz wieder auf neuesten Stand. Der Zeitpunkt konnte nicht besser gewählt werden, den seit 2005 gib es die Technik, die ein altes Kabelnetz multimediafähig machen kann. Für die Bürger sollte es sich wieder lohnen. Mit Kabelinternet kann man sich die teure Telefonleitung sparen. 120 € Ersparnis sollte da im Jahr mindestens möglich sein.
Epilog: Dies ist ein Zeitzeugenbericht, vom meinem Standpunkt aus erzählt. Namen wurden nicht genannt. Welcher Name sollte auch an erster Stelle stehen? Ich bitte um berichtigende Anmerkungen, sollten Fehler im Text sein. Über weitere Zeitzeugenberichte würden wir uns freuen.
Graupa, den 28.09.2011
Jens Fischer